Scottie Scheffler – Die gereizte Seite der Nummer 1
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Wenn Scottie Scheffler nach einer Runde vor die Mikrofone tritt, erlebt man derzeit immer häufiger zwei Versionen desselben Spielers. Da ist der analytische, reflektierte Weltranglistenerste, der tiefgründig über Golf sprechen kann wie kaum ein anderer. Und da ist jene zweite Version: gereizt, schnippisch, manchmal fast trotzig. Rund um die PGA Championship wird diese Facette erneut zum Gesprächsthema.
Dabei geht es nicht um einen klassischen Konflikt zwischen Spielern und Medien. Scheffler verweigert keine Interviews, boykottiert keine Pressekonferenzen und sucht keine offenen Auseinandersetzungen. Er beantwortet Fragen – nur eben nicht immer mit jener Gelassenheit, die man von einem dominanten Superstar erwartet. Genau darin liegt die Faszination.
In den vergangenen Monaten häuften sich Momente, in denen Scheffler sichtbar genervt reagierte. Beim The Players Championship irritierte ihn eine Frage zu den Platzbedingungen, später reagierte er scharf auf eine Nachfrage zu seinem Driver-Wechsel. Beim Masters Tournament bezeichnete er eine Reporterfrage nach seiner Runde sogar als «terrible question». Und zuletzt wirkte seine Antwort zum Thema LIV Golf deutlich abweisender als jene seines Kollegen Jordan Spieth.
Interessant ist dabei weniger der Inhalt dieser Situationen als ihr Muster. Scheffler wirkt vor allem dann dünnhäutig, wenn sein eigenes Spiel nicht seinen Erwartungen entspricht. Spielt er überragend, liefert er oft bemerkenswert differenzierte Interviews. Gerät sein Spiel ins Stocken, bricht gelegentlich jene innere Spannung nach aussen, die ihn gleichzeitig zur dominierenden Figur seiner Generation macht.
Sein ehemaliger College-Coach John Fields beschrieb diese Seite einmal mit bemerkenswerter Klarheit: «It’s still there. And it’s never, ever gonna leave.» Gemeint ist Schefflers kompromissloser Ehrgeiz – ein beinahe pathologischer Wettbewerbsdrang, der ihn seit Juniorenzeiten begleitet.
Geschichten darüber gibt es viele. Wutausbrüche im College-Golf. Ein verletzter Daumen nach einem Schlag gegen ein Dornengestrüpp. Frustreaktionen nach Niederlagen. Schon als Kind galt Scheffler als schlechter Verlierer und wenig grosszügiger Sieger. Diese Eigenschaften verschwanden nie – sie wurden lediglich professioneller verpackt.
Gerade deshalb unterscheidet sich Scheffler auch von Spielern wie Spieth oder Rory McIlroy. Während andere selbst in schwierigen Momenten kontrolliert und diplomatisch bleiben, lässt Scheffler manchmal erkennen, wie stark ihn Niederlagen oder Fehler innerlich beschäftigen. Seine sarkastischen Faustpumpen nach verschobenen Putts oder seine gereizten Antworten sind weniger kalkulierte Provokation als emotionale Ventile.
Vielleicht liegt genau darin auch ein Teil seiner sportlichen Grösse. Denn Scheffler spielt Golf nicht mit jener glamourösen Leichtigkeit, die viele Superstars umgibt. Mehrere Weggefährten beschrieben ihn zuletzt als beinahe obsessiv fokussiert auf sein Spiel – immun gegen viele Ablenkungen des Erfolgs. Diese Haltung erinnert manche Beobachter an die kompromisslose Mentalität von Michael Jordan.
Der Unterschied: Jordan richtete seinen Wettbewerbswahn gegen Gegner oder Mitspieler. Schefflers grösster Gegner scheint oft er selbst zu sein.
Hinzu kommt seine äussere Erscheinung. Gross, athletisch, kontrolliert – Scheffler wirkt wie das perfekte Bild des amerikanischen Sportsuperstars. Gerade deshalb überraschen seine emotionalen Reaktionen viele Beobachter. Doch vielleicht ist genau das der Irrtum: Diese Momente sind kein Ausbruch aus seinem Charakter, sondern ein zentraler Teil davon.
Natürlich muss man diese Verhaltensweise nicht sympathisch finden. Viele Fans feiern seine Ehrlichkeit und die ungefilterten Emotionen. Andere empfinden ihn in solchen Situationen als arrogant oder unsympathisch. Beides greift letztlich zu kurz.
Denn wenn bei Scheffler die Fassade kurz bröckelt, erhält man einen seltenen Einblick in die Denkweise des aktuell besten Golfers der Welt. Seine gereizten Pressekonferenzen sind weniger Ausdruck von Medienfeindlichkeit als sichtbare Symptome eines enormen inneren Drucks. Wer so sehr gewinnen will wie Scheffler, wird zwangsläufig auch besonders intensiv verlieren.
Und genau deshalb bleibt seine «salzige» Seite trotz aller Kritik wohl untrennbar mit seiner Dominanz verbunden.
Photo by Carmen Mandato/Getty Images
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