Make golf sexy (again)
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Ohne je ein grosses Turnier gewonnen zu haben, zählt Paige Spiranac zu den berühmtesten Figuren des Golfsports. Ihr Aufstieg ist ein Lehrstück über digitale Aufmerksamkeit – und ihren Preis.
Viel Vorwissen braucht es nicht, um sich zu Paige Spiranac eine Meinung zu bilden. Auf der einen Seite stehen ihre überschaubaren sportlichen Meriten. Auf der anderen eine Fülle von Bildern und Clips, in denen Golf-Tutorials, Trickshots und Equipmentberatung hinter Dekolleté, Pose und Provokation zurücktreten. Allein auf Instagram erreicht sie damit vier Millionen Menschen, ergänzt durch grosse Communitys auf YouTube, TikTok und X. Sex sells, schlussfolgert man da und findet das im konservativ geprägten Golfkontext entweder problematisch oder unterhaltsam. (Oder beides, indem man die Zurschaustellung weiblicher Reize vordergründig ablehnt, aber doch immer wieder hängen bleibt und Teil des Mechanismus wird.)
So oder so lässt sich die 32-jährige Amerikanerin kaum ignorieren, zeigt ihre Präsenz doch eindrücklich, wie Relevanz heute über digitale Kanäle definiert wird. Tiger Woods, die grösste Ikone der modernen Golfgeschichte, unterliegt ihr mit rund 3,7 Millionen Instagram-Followern. PGA-Tour-Dominator Scottie Scheffler, die Weltranglistenerste Jeeno Thitikul und Starspielerin Nelly Korda kommen zusammen nicht an Spiranacs Anhängerzahl heran. Über den sportlichen Wert ihrer Inhalte sagt das wenig aus. Doch viele Follower bedeuten nun mal Macht – und Macht lässt sich monetarisieren. Spiranac schloss Verträge unter anderem mit PXG, 18Birdies, Shot Scope und Lululemon ab. Die geschätzten Einnahmen aus gesponserten Instagram-Posts beliefen sich 2025 auf rund 10’698 US-Dollar pro Beitrag – 2,6-mal mehr als bei Scottie Scheffler.
Widerwillige Berühmtheit
Längst reicht ihre Strahlkraft über Golf und Social Media hinaus. 2018 und 2024 posierte Spiranac in der Sports Illustrated Swimsuit Issue, 2022 kürte sie Maxim zur «Sexiest Woman Alive» – als erste Sportlerin überhaupt. Selbst deutschsprachige Boulevardmedien widmen der Blondine regelmässig Schlagzeilen wie «Golf-Sternchen packt über ihren Busen aus» oder «Golf-Model Paige Spiranac mit Höschen-Blitzer». Und nicht, dass ihre Selbstdarstellung eine Berichterstattung jenseits des Körperlichen fördern würde. Doch bei näherem Hinsehen liesse sich ihre Geschichte durchaus auch anders erzählen: zum Beispiel als modernes Aschenputtel – vom Mobbing-Opfer zum beneideten Star.
Paige Renee Spiranac wird am 26. März 1993 in Wheat Ridge, Colorado, als Tochter eines ehemaligen Footballers und einer professionellen Ballerina geboren. Als Mädchen turnt sie so geschickt auf Kletterstangen herum, dass ihre Eltern ihr den Weg in eine Gymnastikkarriere ebnen. Das erklärte und offenbar keineswegs abwegige Ziel: Olympia. Doch Klein-Paige ist schüchtern und sozial unbeholfen. «Ich trug Brille, immer Gummistiefel, hatte eine Krankheit, bei der mir die Haare ausfielen, und schlimmes Asthma. Wenn du kahl bist und einen Inhalator brauchst, hast du es nicht leicht», erzählt sie später dem Golf Digest. Andere Kinder halten Abstand, werfen Steine, spucken ihr ins Getränk. Dann erleidet sie schwere Knieverletzungen, und der Olympiatraum platzt.
«Alles, was ich wollte, war, Profisportlerin zu werden», sagt Spiranac. Warum also nicht Golf, schlägt ein Sportpsychologe vor. Und tatsächlich fängt sie 13-jährig Feuer. Die Familie zieht nach Arizona, damit sie ganzjährig trainieren kann. Es folgen Turniersiege, ein Stipendium an der University of Arizona, später der Wechsel an die San Diego State University, wo sie ihr Team als Kapitänin zum Titel in der Mountain West Conference führt. Doch die soziale Angst verschwindet nie. Spiranac nimmt als Jugendliche Antidepressiva, verlässt zeitweise kaum ihre Wohnung, entwickelt eine Essstörung. Und jeder Fehler auf dem Golfplatz trifft sie persönlich. «Es beeinflusste, wie sie sich selbst als Mensch sah», erinnert sich ihre Mutter.
Nebenbei eröffnet Spiranac einen Instagram-Account, um ihren College-Golf-Alltag zu dokumentieren. Lange bleibt er unbeachtet – bis 2015 der Blogger Dan Regester auf ihre körperlichen Reize aufmerksam wird, ihre Fotos repostet und ihre Followerschaft innert 24 Stunden von 500 auf über 100’000 explodiert. Während einer Übungsrunde prasselt eine Flut von Nachrichten auf sie ein, viele davon voller Hass. Mit ihrer figurbetonten Kleidung sei sie ein schlechtes Vorbild, ruiniere das Spiel, heisst es. Paige bricht zusammen.
FORE#1
Der Tiefpunkt kommt 2015 mit einer Einladung zu einem Turnier der Ladies European Tour in Dubai. «Von Anfang an gab es eine massive Kontroverse», berichtet Spiranac im Podcast Quiet Please. Man munkelt, sie habe die Turniereinladung über sexuelle Gefälligkeiten erhalten, Legenden des Spiels diskutieren öffentlich, ob sie überhaupt dazugehöre. Ohne Medienerfahrung, unter enormem Druck, versagt sie sportlich und landet auf Platz 101 von 107. «Das war der schlimmste Moment meines Lebens», sagt sie. Gleichzeitig erzielt das Turnier eine nie dagewesene Aufmerksamkeit: rund 500 Millionen Social-Media-Impressionen und die höchste TV-Reichweite in der Geschichte der LET – eine widerwillige Berühmtheit ist geboren.
Vom Mobbing-Opfer zum Star
2016 gewinnt Spiranac noch auf der Cactus Tour gegen die damalige Nummer eins der Amateurwelt. Doch die Qualifikation für die LPGA Tour scheitert, sie beendet die Profikarriere und fällt in ein Loch. In Therapie verarbeitet sie ihr Gefühl des «Nicht-gut-genug-Seins» und beginnt, sich selbst anzunehmen. «Ich habe einfach gesagt: Scheiss drauf. Ich ändere meine Mentalität.» So postet sie im März 2021 ein Foto mit offener Jacke in Masters-Grün, ohne BH. Dazu den Screenshot einer Nachricht: «Niemand wird dich je ernst nehmen, wenn du weiterhin Bilder mit Ausschnitt postest.» Sie verkauft Handtücher mit dem Bild – «zum Kaufen oder für die Hater, um ihre Tränen abzuwischen». Die Aktion bringt ihr nebst 338’000 Likes und 11’000 Kommentaren 100’000 Dollar ein. Zum ersten Mal monetarisiert sie ihr Image.
An diesem Punkt kippt das Märchen in eine andere Erzählung: jene der Self-Made Woman. Spiranac beginnt, sich selbst zu konstruieren – präzise, diszipliniert, mit nahezu vollständiger Kontrolle über ihre Arbeit. Sie entwickelt im Umgang mit Algorithmen eine «athletische Obsession», beschäftigt sich unablässig mit Postingzeiten, Formaten, Farben, Längen, Konversionslogiken. Reichweite wird zu Einkommen, und Spiranac zum Medienunternehmen, bei dem der Betrieb klaren Routinen folgt: tägliche Posts, Training, Community-Management, Moderation von Hass. Hinzu kommen ab 2020 ein Podcast namens Playing a Round und ab 2023 mit OnlyPaige ein kostenpflichtiger Abodienst nach dem Vorbild von OnlyFans – «aber ohne Nippel», wie sie betont. Ihr Vermögen steigt auf über drei Millionen US-Dollar.
Zentral für ihren Erfolg ist die bewusste Ambivalenz ihrer Figur. Die mädchenhafte Aussprache, das häufige Lachen und die grelle Ästhetik stehen im bewussten Kontrast zu solidem Golfwissen und jahrelanger sportlicher Praxis. Spiranacs Popularität speist sich nicht allein aus Sexappeal, sondern aus dessen überzeichnetem Einsatz: Sinnlichkeit trifft auf Witz, Provokation auf Technik, Analyse auf Selbstironie. «People come for the tits and stay for the tips», lautet ihr Slogan. Gleichzeitig verfolgt sie ein ernsthaftes Ziel: Golf zu öffnen, zu modernisieren und sich entschieden gegen Sexismus und Cybermobbing zu engagieren – gespeist aus eigenen Erfahrungen. Hass, Kritik, Neid und Sexismus: All das scheint Spiranac als Teil ihres Berufs zu begreifen. «Wenn sich jemand an meinem Körper stört, ist das sein Problem», sagt sie selbstbewusst. Sie tue nichts Illegales, richte keinen Schaden an. «Mein Content», hält sie fest, «soll in erster Linie Spass machen.»
Der Preis der Sichtbarkeit
Als sie sich Anfang 2026 nach mehreren Wochen Pause mit einem «Q&A-Video» an ihre 466’000 YouTube-Abonnenten wendet, trägt sie einen neuen Pony und klingt ernüchtert. 2025 sei abgesehen von einigen Highlights kein gutes Jahr für sie gewesen. Zwar trat sie in der dritten Staffel der Netflix-Dokuserie Full Swing auf und hatte einen viel beachteten Cameo-Auftritt in Happy Gilmore 2. Doch dem stehen persönliche Rückschläge gegenüber: der Tod ihres Hundes – und die Nachwirkungen eines Betrugsskandals.
Während des Internet Invitational, eines Turniers für Golf-Influencer mit einem Preisgeld von einer Million US-Dollar, tritt Spiranac in unmittelbarer Nähe des Balls auf das hohe Gras, um es zu glätten – eine unscheinbare Aktion, die das gegnerische Team als Schummelei identifiziert. Spiranac räumt den Fehler ein, beteuert jedoch unter Tränen, nicht gewusst zu haben, dass dies als Regelverstoss gilt. Nachdem das Video in den sozialen Medien kursiert, wird Spiranac als Betrügerin gebrandmarkt, per Direktnachricht und in den Kommentarspalten folgen Zehntausende von Morddrohungen. Sie selbst spricht vom «schlimmsten Hass, den ich in den zehn Jahren, in denen ich das mache, je erlebt habe».
Überhaupt fühle sie sich zutiefst missverstanden. Ihre Online-Persönlichkeit und ihre Marke polarisierten stark, sagt sie, oft werde sie auf ein Bild reduziert, das mit ihrer Offline-Persönlichkeit wenig zu tun habe. Dieses Missverständnis habe in ihr das ständige Bedürfnis ausgelöst, sich zu erklären, was wiederum den Vorwurf nähre, sie spiele die Opferrolle. «Natürlich weiss ich, wer ich bin», sagt sie. «Aber wenn man ein zehnsekündiges Slow-Motion-Video eines Golfschwungs postet, werden die Leute nicht wissen, wer man ist.» Sie deutet an, diese Diskrepanz auflösen zu wollen.
Gegenüber Sports Illustrated sagt sie zudem, sie wolle 2026 «dahin zurückfinden, Freude am Kreativsein zu haben». Und in einem Online-Beitrag kündigt sie einen «Swing Change» an – die Korrektur ihres zu frühen Handgelenkabklappens, um mehr Konstanz und Schlagkraft zu gewinnen. Vieles spricht dafür, dass sie es ihrem Publikum künftig nicht mehr so leicht machen will, sich eine schnelle Meinung zu bilden. Ob dieses Publikum bereit ist, hinter dem vertrauten Bild eine andere Paige wahrzunehmen, wird sich allerdings zeigen müssen.
Photos by Getty Images
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