Aaron Rai wird zum neuen Helden des Golfsports
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Der Golfsport suchte nach einer neuen Identifikationsfigur – und fand sie am Sonntag im ruhigen, bescheidenen Aaron Rai. Mit einer brillanten 65er-Schlussrunde sicherte sich der Engländer bei der PGA Championship im Aronimink Golf Club seinen ersten Major-Titel und schrieb gleichzeitig ein Stück Golfgeschichte.
Während sich das Leaderboard über vier Tage hinweg permanent verschob und das Turnier lange keinen klaren Protagonisten hervorbrachte, gelang Rai genau im richtigen Moment der entscheidende Angriff. Vier Birdies und ein Eagle innerhalb von zehn Löchern katapultierten den 31-Jährigen an die Spitze eines extrem dicht gedrängten Feldes. Den endgültigen Ausnahmezustand löste sein unglaublicher 23-Meter-Putt auf Loch 17 aus – ein Moment, der die Zuschauer in Pennsylvania förmlich explodieren liess.
Rai selbst blieb fast stoisch. Ein kurzer Faustschlag, wenig Emotionen – typisch für den Engländer, dessen kontrollierte Körpersprache perfekt zu dieser nervenaufreibenden PGA Championship passte.
«Es war bisher eine frustrierende Saison. Deshalb fühlt sich das hier komplett surreal an», sagte Rai nach seinem Triumph. «Die Konstanz in den letzten Wochen war gut, mein Körper fühlte sich stark an und ich habe diesen Platz einfach Woche für Woche besser verstanden.»
Mit total drei Schlägen Vorsprung verwies Rai den Spanier Jon Rahm sowie den Amerikaner Alex Smalley auf die Ehrenplätze. Für Rai bedeutete der Sieg zudem eine historische Premiere: Er ist der erste Engländer seit mehr als 100 Jahren, der die Wanamaker Trophy gewinnen konnte.
Das Turnier selbst entwickelte sich zu einem der ungewöhnlichsten Major-Events der letzten Jahre. Vor der Schlussrunde lagen gleich 22 Spieler innerhalb von vier Schlägen an der Spitze. Früh sorgten Kurt Kitayama mit einer 63er-Runde und später Justin Thomas mit einer 65 für zusätzliche Turbulenzen. Doch trotz der enormen Dichte fehlte lange der grosse Angriff eines echten Titelanwärters.
Aronimink verlangte den Spielern maximale Geduld ab. Das hohe Rough, anspruchsvolle Pins und stetiger Wind verhinderten aggressive Attacken. Viele hielen sich im Rennen – kaum jemand brach jedoch wirklich aus.
Bis Aaron Rai kam.
Der Wendepunkt gelang ihm auf dem Par 5 der 9. Bahn mit einem Eagle. Es folgten Birdies auf den Löchern 11 und 13, ehe er auf der 16 erneut zuschlug. Danach kam jener legendäre Putt auf der 17, den Rai später selbst als «glücklichen Zufall» bezeichnete.
«Ich wollte diesen Putt definitiv nicht lochen», gab Rai lachend zu. «Aber der Schatten der Fahne half mir bei der Linie. Ab der Hälfte sah es plötzlich unglaublich gut aus.»
Die Geschichte hinter dem neuen Major-Champion macht den Triumph ganz besonders. Rai stammt aus einer Arbeiterfamilie. Seine Mutter wanderte einst aus Kenia nach England aus und arbeitete in mehreren Jobs, um die Familie zu unterstützen. Sein Vater brachte sich Golf mit Büchern bei, nachdem Aaron seine Leidenschaft für den Sport entdeckt hatte. Neue Schläger oder Turniergebühren waren damals keineswegs selbstverständlich.
Noch heute reinigt Rai seine Eisen nach jeder Runde sorgfältig und benutzt Schlägerhauben – eine Angewohnheit aus Kindheitstagen, als das Equipment möglichst lange halten musste.
In einer Zeit, in der Golf oft von Superstars, Millionenverträgen und grossen Inszenierungen dominiert wird, wirkt Aaron Rai beinahe wie ein Gegenentwurf. Genau deshalb feierte ihn Aronimink am Sonntag wie einen längst vermissten Volkshelden.
Photo by Andrew Redington/Getty Images
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