Scottie Scheffler – Wie aus Talent Weltklasse wurde
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Randy Smith, einer der profiliertesten Golflehrer der USA, hat Scottie Scheffler seit dessen Kindheit begleitet – vom sechsjährigen Anfänger bis zur Weltnummer 1. In einem exklusiven Rückblick beschreibt Smith Schefflers aussergewöhnlichen Werdegang.
Kaum ein Coach hat gleich zwei Spieler von Kindesbeinen an bis zum Majorsieg betreut – Randy Smith ist dieser Ausnahmefall gelungen: zuerst mit Justin Leonard, dann mit Scottie Scheffler. Als Schefflers Familie 2002 nach Dallas zog und Mitglied im Royal Oaks Country Club wurde, begann die Zusammenarbeit. Der damals sechsjährige Scottie entwickelte sich dort in einem idealen Umfeld – mit viel Konkurrenz, Spielfreude und Lernwille.
Früher Ehrgeiz, grosses Einfühlungsvermögen
Scottie fiel früh durch seine Beobachtungsgabe auf. Bereits als Kind wusste er, wann er sich zurückhalten und wann er sich annähern sollte, um von Profis wie Joel Edwards zu lernen. Mit zehn Jahren sass er am Rand der Driving Range, beobachtete die Schläge von Edwards – und traf nach wenigen Versuchen selbst das Metallziel, das Edwards angepeilt hatte. Die Freude an der Praxis, der Wille zum Experimentieren und die Entschlossenheit, Dinge selbst zu erarbeiten – das zeichnete Scheffler schon damals aus.
Auch auf dem Putting-Grün zeigte sich früh seine Mentalität. Nach einer Trainingseinheit forderte er Harrison Frazar zu einem Putt-Duell heraus. Das Spiel endete erst am nächsten Morgen – mit einem Sieg des jungen Herausforderers, der seinen Gegner buchstäblich zum Flughafen begleitete.
Scottie Scheffler mit Randy Smith an der PGA Championship im Quail Hollow Country Club in Charlotte, North Carolina
Keine Vergleiche mit Gleichaltrigen
Was Scheffler von anderen Talenten unterschied: Er orientierte sich nie an Gleichaltrigen, sondern an PGA- und Korn Ferry-Profis. Smith betont, dass in dieser Altersklasse alle Bedingungen stimmen können – Unterstützung, Talent, Training –, aber dass die eigentlichen Unterschiede im Detail liegen: bei der inneren Flamme, dem Drang zur Verbesserung und dem unbedingten Willen zur Weiterentwicklung.
Ein Spiel mit und gegen die Grösseren
Mit 13 spielte Scheffler beim Texas State Amateur auf seinem Heimplatz. Die Gegner: deutlich ältere College-Spieler mit reichweitenstarken Schwüngen. Auf Loch 16, einem 220-Yard-Par-3, griff Scheffler zum Driver – und spielte den Ball mit einem gewagten Slice auf 12 Fuss ans Loch. Die Grösse seiner Gegner machte ihm nie Angst, sondern war Ansporn.
Seine Schläger wurden früh angepasst. Da er seine Junior-Schläger regelrecht zertrümmerte, liess Smith über Cleveland ein individuell angepasstes Set fertigen – Tourmodelle mit Graphitschäften und reduziertem Kopfgewicht.
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Emotionen und Reife
Trotz seiner ruhigen Art heute war Scheffler früher impulsiv. Wut entlud sich nie gegen Mitspieler, sondern gegen Spinde oder Teppiche. Doch er lernte, diese Energie konstruktiv zu nutzen. Nach Enttäuschungen folgte umgehend der Wille zur Analyse – und zur Korrektur. Diese Herangehensweise ist geblieben: Auch bei seinen jüngsten Schwierigkeiten mit dem Putter reagierte er ruhig, systematisch und lösungsorientiert – wie einst bei Problemen mit dem Driver im College.
Kreativität statt Normschwung
Smith betont: Technisch sei bei Scheffler nie etwas «repariert» worden, nur angepasst, um sein Gefühl für die Schlagfläche zu erhalten. «Ich hätte ihn nie in einen Musterschwung gepresst – das hätte seine Kreativität zerstört», so Smith. Selbst wenn Fehler im Schwung auftauchen, korrigiert Scottie sie meist bis zum Treffmoment. Kleinste Justierungen, wie zuletzt bei der Daumenposition der linken Hand, reichen oft aus.
Verletzungen, Widrigkeiten – und der unerschütterliche Wille
Ob ein verstauchter Knöchel vor der High-School-Meisterschaft oder ein Dorn tief im Daumen während der College-Zeit: Scheffler spielte weiter – mit umfunktioniertem Schwung oder Kühlpacks. Smith erinnert sich besonders an den Freitag der PGA Championship 2024, als Scheffler nach einem Vorfall mit der Polizei nur 53 Minuten zur Vorbereitung hatte – und eine 66er-Runde spielte. «Ich war stolz – nicht nur wegen des Scores, sondern wegen seiner Haltung.»
Konstanz und Haltung
Der Weg zur Weltspitze liest sich wie aus dem Lehrbuch: über 100 Juniorenpokale, drei Highschool-Titel, US-Junior-Amateur-Champion, College-Spieler des Jahres, Korn Ferry-Spieler des Jahres – und heute: mehrfacher Majorsieger und Weltnummer 1. Doch Smith betont: Auch Scheffler kennt Rückschläge. Der Unterschied liegt in seiner Art, damit umzugehen: nüchtern, lösungsorientiert – und mit einem klaren Blick auf das grosse Ganze.
Photos by Christian Petersen/Getty Images + Kevin C. Cox/Getty Images